In einer Grundsatzrede anlässlich des ökumenischen Solidaritätsbesuchs des Ökumenischen Rates der Kirchen in Simbabwe reflektierte Pfarrer Dr. Hanns Lessing, Exekutivsekretär für Gemeinschaft und Theologie bei der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WRK) über die Berufung der Kirche in einer Nation, die noch immer tiefe Wunden trägt.
Rückblick auf 2017
Im Jahr 2017 fand ein ökumenischer Besuch in Simbabwe statt, der von weit verbreiteter Hoffnung nach dem Ende der Herrschaft von Robert Mugabe begleitet war. Die Erwartungen an eine „neue Ära“, eine rechenschaftspflichtige Führung, wirtschaftlichen Aufschwung und nationale Heilung waren hoch.
Lessing sagte: „Die Kirchen haben diese Hoffnung nicht geschaffen. Sie haben sie aufgenommen, bewahrt und versucht, ihr moralische und spirituelle Tiefe zu verleihen.“
Heute sind viele Hoffnungen noch nicht verwirklicht. Wirtschaftliche Not, politische Polarisierung und ein untergrabenes
Vertrauen der Öffentlichkeit bestehen fort. Solidarität muss in Bescheidenheit beginnen; wir kommen, um zuzuhören, zu lernen und
an der Seite der Menschen zu stehen – nicht mit vorgefertigten Lösungen. Die Kirche muss sich angesichts von
Ungerechtigkeit jeder Neutralität widersetzen.
Trauma-Theologie
Simbabwe trägt eine vielschichtige Geschichte der Gewalt mit sich: Kolonialherrschaft, Befreiungskampf,
Gukurahundi, politische Konflikte und wirtschaftlicher Zusammenbruch. In Anlehnung an die Unterscheidung des Theologen Septemmy
Lakawa:
Trockene Wunden sind zu Narben geworden
Feuchte Wunden bleiben offen und verletzlich
Die christliche Theologie springt oft zu schnell vom Leiden zur Lösung. Die Traumatheologie fordert
uns auf, länger bei den noch feuchten Wunden zu verweilen, um wahrhaftig zu hoffen.
Welche Art von Kirche?
Der erste Beitrag der Kirche ist kein Programm, sondern ihre Präsenz. Sie ist dazu berufen, Folgendes zu sein:
Eine Gemeinschaft des Gottesdienstes – neu ausgerichtet auf den lebendigen Gott
Eine Gemeinschaft der Begleitung – die den Leidenden zur Seite steht
Eine Gemeinschaft des öffentlichen Zeugnisses – die der Ungerechtigkeit die Wahrheit sagt
Die Kirche wird erst vertrauenswürdig, bevor sie überzeugend wird.
Das Belhar-Bekenntnis
Das Belhar-Bekenntnis, das im Kampf gegen die Apartheid entstanden ist, wird 2026 vierzig Jahre alt. Ihr zentraler
Glaubenssatz lautet: „Die Kirche muss dort stehen, wo Gott steht: gegen Ungerechtigkeit und auf der Seite der Benachteiligten.“
Das ist nicht nur ethisch, sondern theologisch. Die Kirche steht auf der Seite der Benachteiligten, weil Gott
gerade dort ist.
Von Wunden zu Vertrauen
In Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer betont Dr. Lessing, dass Hoffnung nicht die Auslöschung der Geschichte ist,
sondern das Versprechen, dass verwundete Geschichten die Zukunft nicht zwangsläufig bestimmen müssen. Heilung kann nicht
von Gerechtigkeit getrennt werden; ohne Wahrheit und Rechenschaftspflicht kann kein Vertrauen wachsen.
Politische Umbrüche allein können verwundete Gesellschaften nicht heilen. Heilung erfordert geduldige Arbeit: wahrhaftiges
Erinnern, Gerechtigkeit und wiederhergestelltes Vertrauen. Die Berufung der Kirche ist klar: dort zu stehen, wo Gott
steht – gegen Ungerechtigkeit und auf der Seite der Benachteiligten.
Möge unsere Solidarität zu einer Teilhabe am Versöhnungsdienst Christi selbst werden.
Pfarrer Dr. Hanns Lessing ist Geschäftsführer für Gemeinschaft und Theologie bei der Weltgemeinschaft
der Reformierten Kirchen. Diese Ansprache wurde während des ökumenischen Solidaritätsbesuchs des Ökumenischen Rates der
Kirchen in Simbabwe am 21. Juli 2026 gehalten.
Die Präsentation ist hier unter „WRK-Ressourcen“ zu finden.
Übersetzt mit DeepL
Photo: confort @confort_muthar